Texte

 

 

 

 

Cornelia Weihes Gemälde und Zeichnungen waren schon immer eng mit ihren Skulpturen verbunden. Diese Beziehung ist im Laufe der Jahre noch enger geworden. Plastische Arbeiten und Malerei gehen eine unlösbare Verbindung ein. Die Künstlerin arbeitet parallel mit sehr unterschiedlichen Mitteln, die sie allesamt gleichermaßen beherrscht – je nachdem, in welcher Art und Weise sie eine Form denkt, welches innere Bild sie antreibt. So arbeitet sie gleichzeitig in verschiedenen Medien an der Umsetzung ihrer Gedanken ins Zwei- und Dreimensionale. Einzelne Motive finden sich in unterschiedlichen Materialien wieder: Mischtechnik auf Karton oder Keramik, Öl auf Leinwand, verzinkter Stahl, Eisen- oder Bronzeguss. Gleichsam als Arbeitszustände zu verstehen, lassen die jeweiligen Varianten des Motivs offen, in welche Richtung es weitergehen könnte. Das ist ungewöhnlich und macht einen großen Reiz der Arbeiten aus. Die ohnehin schon malerische Oberfläche vieler ihrer Skulpturen – sie sind schrundig, ungeglättet und rau – wird zusätzlich mit Farbe bearbeitet. Die Haut der „Kreatur“ wirkt extrem geschunden und die Assoziation, das Tier habe unsagbares Leid hinter sich, drängt sich auf. Die Malereien hingegen verblüffen mit ihrer Illusion von Räumlichkeit, die menschlichen Körper ebenso wie die Landschaften.

 

Was für eine kraftvolle Welt sich hier eröffnet! Und mit welcher Selbstverständlichkeit diese Welt erschaffen wird!

 

Ebenso köstlich wie aufschlussreich ist der in Partien heitere Text, den Cornelia Weihe ihrem Katalog vorangestellt hat. Er fügt dem Bild von ihrer Kunst Neues hinzu und rundet es ab: Das Kind, welches – ganz im Einklang mit sich selbst – mit Buntstiften zeichnete und Tiere als auch Figuren aus Erde formte. Unschuldiger könnte ein Schöpfungsmythos nicht sein. Aber welch langer Weg liegt hinter einer, die Jahrzehnte später diese innere Gewissheit wiedergefunden hat, die im langen Ringen mit den Formen die Dinge unserer Welt „in eine neue, [ihr] gefällige Ordnung versetzt“ hat.[i]

 

So friedlich, wie es der Text über die Kindheit schildert, sind diese Schöpfungen aber nicht mehr. Die menschliche Figur, die Cornelia Weihe immer wieder thematisiert, ist oft geschunden und verletzt. Das Leben hat seine Spuren hinterlassen. Ineinandergreifende Farbfelder sind zugleich durchscheinend und Linien häufig unterbrochen. Immer wieder wird das Erarbeitete in Frage gestellt, übermalt und korrigiert. Zunächst zarte Formen gewinnen in diesem Prozess an Griffigkeit, setzen sich durch, werden deutlich, prägnant. Und entziehen sich doch immer wieder der Eindeutigkeit. Man glaubt, manches Bekannte zu erkennen, aber es ist immer subjektive Interpretation, man sollte sich nicht zu sicher sein in dem, was man zu sehen glaubt. Die Tatsache, dass hier eine Frau arbeitet, könnte dazu verführen, das Verletzliche der Figuren überzubewerten, aus der Vielschichtigkeit des malerischen und bildhauerischen Prozesses auf die Produzentin selbst zu schließen beziehungsweise ihr Werk einseitig unter diesem Aspekt zu interpretieren. Stattdessen aber ist nicht zu entscheiden: Melancholische „Solitude“ oder überbordendes Glück? Einsamer „Wanderer“ oder einer, der endlich sein Ziel gefunden hat?

 

 

Ein kleines Mädchen, das allein im Wald unterwegs ist und am Bach spielt oder sich für die Werkstatt des Großvaters interessiert, fasziniert von den dort gelagerten Werkzeugen und dem verlockenden Bastelkram, der Verheißung vielfältiger Möglichkeiten. Das durchaus auch mit ihrem Puppenhaus spielt, aber eine wilde Freude daran hat, wenn seine Bewohnerinnen aus dem rasenden Puppenkarussell eben jenes Großvaters geschleudert werden. Da bricht sich etwas Ungestümes Bahn, zeichnet sich die Neugier auf eine Reise ins Ungewisse ab. Unerschrockenheit. Eine Voraussetzung für die künstlerische Arbeit.

 

Auch ist – so scheint mir – dieser Künstlerin nichts Menschliches fremd. Wir alle haben Abgründe in uns, Schattenseiten, sind von Ängsten erfüllt. Emotionen brechen sich Bahn, Merkwürdiges ist Teil des Lebens. Die Großmutter malt zur Freude ihrer Enkelin Figuren mit sieben Krakelfingern. Man kann es so oder so verstehen: Harmloser Kinderspaß und gruseliger Schauder lassen sich manchmal nicht klar voneinander unterscheiden, eins kann unversehens ins andere umschlagen.

 

 

Es spricht eine große Entschlossenheit aus dem Gesamtwerk Cornelia Weihes. Da gibt es schon lange kein Zögern mehr, kein Zurück. Wozu auch? Hier setzt jemand kraftvoll der Außenwelt ihre eigene entgegen.

Beim Heranwachsen zunehmend mit den Forderungen der Gesellschaft konfrontiert, wird sich Cornelia Weihe früh bewusst, dass es für sie überlebenswichtig ist, sich mittels ihrer Kunst diese eigene Welt zu erschaffen, einen geistigen Freiraum, der Schutz vor den Zumutungen „sozialistischer“ Kulturpolitik bot. Wie anders hätte sich die Gesellschaft entwickelt, wäre das eigene Leben verlaufen, wenn man in der Schule hätte träumen dürfen und die Indianer gemeinsam mit Lenin ihre Abenteuer erlebt hätten! Gute Kunst hat utopisches Potenzial.

 

Die politischen Zustände haben sich geändert, die Menschen nicht. Alle müssen ihren Platz finden, ihn sich erkämpfen. Und Künstler müssen sich am Markt behaupten. Erwartungen Anderer setzen uns permanent unter Druck. Dagegen verwahrt sich die Künstlerin. Sie will sich keine Sachen abverlangen, die sie nicht wahrhaftig aus ihrem Innersten geben kann.

Wie gut, wenn man all diesen ständigen Forderungen mit einer eigenen Bildwelt begegnen kann. Wenn man nach einem langen – mitunter durchaus schmerzhaften – Prozess des Reifens zur eigenen Bildsprache gefunden hat und wie selbstverständlich aus der eigenen Phantasie schöpft. Die verletzte „Kreatur“ balanciert auf noch wackligen Stelzen. Aber sie steht und wird mit jedem Schritt sicherer, im Wortsinne eigenständiger.

 

 

Mir scheint, dass eine Künstlerin, die – ähnlich wie das Kind damals – ganz in ihrem eigenen Tun aufgeht, eine Art des Glücks gefunden hat. Es steckt so viel Sinnlichkeit in diesen Bildern und Skulpturen: Das Wasser des Flusses, durch gelbe Grashalme gesehen, die Suggestion der Farben und Gerüche von Wäldern und Wiesen, „weites Land“. Die Menschen stehen „am See“ oder „am Fluss“, verharren an einem „Ufer“, kauern „am Meer“. Manche sind unterwegs als „Wanderer“, andere leben als „Eremit“ oder „Narr“. Einige sammeln Muscheln oder werden von „blauen Sonnen“ begleitet. Sie begegnen einem „Kranich“ und einem „blauen Vogel“, finden ein „Nest“ oder einen „blauen Zweig“. – Cornelia Weihes Protagonisten sind „Vorübergehende“ „im Wind“, stehen oder hocken, machen erste Schritte, wollen laufen, blicken zurück und halten Zwiesprache – mit sich, mit uns.

Sie kommen an.

 

„Zeitgleich“ beschreibt die Arbeit Cornelia Weihes in verschiedenen Techniken, mit unterschiedlichen Materialien, an mehreren Themen. „Zeitgleich“ reicht aber nicht aus, um diesen Prozess zu charakterisieren. Das Wort trifft nicht den Kern, sondern verweist nur auf die Parallelität der Arbeitsweise, auf das Äußere.

 

Aber es ist mehr als das.

 

Es ist:

BEIDES SEIN.[ii]

 



[i] Sigmund Freud, zitiert nach dem Text von Cornelia Weihe in diesem Katalog.

[ii] Diese wunderbare Formulierung ist der Titel der deutschen Ausgabe von Ali Smiths Roman „How to be both“, erschienen als „Beides sein“ im Luchterhand Literaturverlag München 2016. Die Sprachschöpfung verdankt sich der kongenialen Übersetzung von Silvia Morawetz.

Kristina Bake

Text zum Katalog “Zeitgleich” 2017

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Kunst ist die Kunst der Zwischenzustände. Wer mit allem fertig ist, eine Meinung oder Botschaft oder Programme hat ist suspekt. Die Vollendung ist ein Albtraum. Dann gibt es kein Erstaunen mehr. Natürlich auch keine Neugier, kein Platz für Irrtümer oder Fehldeutungen. Dann gibt es keine Fragen mehr. Eine Frage, die immer wieder gestellt werden muss lautet: wann wird das Objekt zum Wesen und wann das Wesen zum Objekt. Darüber denken Plastiker mit den Händen nach. Sie erfühlen den Raum, speichern den Raum als emotionale Erfahrung und sind in der beneidenswerten Lage ihre Vorstellungen vom Raum mit ihren Händen Gestalt zu geben. Diese Räume sind beseelt, sonst sind sie nicht. Der Raum ist die Hülle für den Menschen. Menschenleere Räume gibt es nicht. Jeder Mensch ein Universum. Ein Universum aus Muskeln, Fleisch, Knochen, Haaren und Haut – und: aus Seele, Gesten, Arbeit und Posen – und: aus Haltungen wie Anspannung, Erschlaffung, Gelassenheit, Müdigkeit, Erschöpfung, Angst, Glück, Schmerz. Der Mensch als Felsen, als Klumpen, als Haufen, als Held und als Sack, als Gussform. Dem Lehmklumpen muss Leben eingehaucht werden und das funktioniert nur dann, wenn der Betrachter beim Anblick der Skulptur sagt das bin ich oder ein Teil von mir. Genau das macht Cornelia Weihe. Das sind alles Menschen denen man sich zuwendet. Wie dem nackten kleinen Mann mit dem Rucksack, wobei unklar ist ob das ein Beatmungsgerät oder doch ein Proviantgefäß ist. Wo will der hin oder ist er angekommen am Ziel einer Pilgerreise. Oder der kauernden Frau die träumend etwas hält, etwas das wir nicht erkennen können. Offensichtlich keine physisch schwere Last, aber etwas das ihr wichtig ist und behütet wird, etwas das kaum noch seine Form hält und uns präsentiert wird als eine Devotionalie, mit einer Geste zwischen Stolz und Erschöpfung. Die Schutzlosigkeit ist der Schutz. In den Drahtskulpturen wird das Verwechslungsspiel zum Zickzackweg der Imagination. Die Transparenz der Linienzeichnung in blüht auf in drei Dimensionen. Dem Wesen wird ein Raum über den Umweg der Zeichnung gegeben. Das was in Linien abstrahiert ist, wird mit Drähten verschweißt. Das sind schon bei weitem keine Abbilder mehr, sondern mehr Meditationen über Findungsprozesse. Jeder Mensch nimmt Raum ein, jeder Mensch ist ein Raum. Und das alles Fragment bleibt, ist eine Erfahrung die in der Malerei und der Zeichnung von Cornelia Weihe geradezu gefeiert wird. Da wird eine ähnliche Erzähltechnik wie in der Plastik angewandt. Die Personen die sich oft nur schattenhaft im Raum halten sind zart, fragil, verletzlich. Es geht nicht darum ob etwas gut ist, oder gerecht, ob etwa sinnvoll ist. Die Menschen in Farbmassen – alles Variationen über Einsamkeit. Die Suche nach Orientierung, den Weg nach Hause oder die Suche nach Muscheln. Da vermischt sich alles, Tagträume und Alpträume und Momentaufnahmen deren Sinn dunkel bleibt, die nichts als einen besonderen Augenblick erhellen. Brüche, Risse, Abgeschabtes, rohe Konturen, rasche Skizzen, verworfene Entscheidungen bleiben sichtbar, grobe Farbmassen, transparente Volumen, durchscheinende Hintergründe. Irgendwann findet das seine Balance, wird Ruhe in das Wirrsal gebracht, und dann leuchtet eine Selbstverständlichkeit auf. Das ist schlichtweg blanke Malerei.

 

Rüdiger Giebler

Zeitkunstgalerie  Halle , Januar 2016  (Auszug)